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SichtbarkeitsJOURNAL | Ausgabe April 2026
Der erste Schritt auf die Bühne – und warum er
mehr verändert, als du denkst
Mit zehn Jahren stand ich das erste Mal als Solosängerin auf einer großen
Bühne vor 600 Menschen. Das war ein erster Stolperstein. Doch viel stärker
erinnere ich meine Mutter hinter dem Vorhang, die mit einem gezischten
„hörst du auf“ dafür sorgt, dass ich beim Anblick der Überzahl vor mit, nicht
die Flucht ergriff. „Als geblüht ein Kirschenbaum…“, das ist die erste Textzeile
des Stückes aus dem ‚Vogelhändler‘ das ich damals sang. Mehr erinnere ich
nicht mehr. Angeblich gab es Applaus, wer weiß. Der erste Grundstein für
meine Selbstständigkeit war gelegt.
Wenn das Leben dich stoppt: Verluste, die alles
verschieben
Weitere Stolpersteine folgten. Schwerwiegender und meist herausforderndere.
Da waren in 2000 die letzten Worte meiner hadernden Mutter: „Ich wollte
doch noch so gern…; ach hätte ich doch noch Zeit für…“. Damals habe ich mir
geschworen, dass ich später nicht bereuen will, etwas nicht getan zu haben.
Sie war leider schwer krebskrank und ist mit 63 Jahren viel zu früh gegangen.
Im gleichen Jahr, nur wenige Monate nach ihr, ging auch einer ihrer Brüder,
dem ich sehr verbunden war. Das machte mir mehr als deutlich, dass die
Begrenztheit und Endlichkeit das Leben so unfassbar wertvoll machen. Und es
machte mir klar, ich will mich nie darüber beklagen, dass ich eine Chance
ungenutzt verstreichen ließ.
Auch beruflich war das Jahr 2000 damals noch in der Bank sehr
herausfordernd und all das zusammen verschlug mir trotz aller inneren Stärke
die Stimme. Aphonität. Meine Stimme war weg. Ein Albtraum für einen
Sprechberuf, existenziell für eine Sängerin. Ich musste in eine Stimmheilkur
und Stimmruhe war angesagt. Für mich Höchststrafe. In der Kur arbeitete ich
vieles auf und mir wurde klar, ich muss etwas ändern, mich neu erfinden.
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