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SichtbarkeitsJOURNAL | Ausgabe April 2026
Mein vermeintlich
sicheres Boot hatte ein
Leck.
Ich wusste schon früh, dass ich
heiraten und Kinder bekommen will.
Zu unseren drei Kindern, die mich
viele Jahre richtig auf Trab hielten,
gesellte sich später unser erster Hund
dazu. Eine Labrador-Hündin, mit der
ich viele Stunden pro Woche in
Hundeschulen verbrachte.
Ehefrau, Mutter und Hundemama –
das erfüllte mich lange Zeit. Doch
irgendwann merkte ich: Mir fehlt
etwas. Ich wollte wieder arbeiten.
Wieder unter Menschen. Mich nicht
nur über das beste Mittel gegen
Karottenflecken austauschen oder
darüber, welches Hundefutter
gerade in den Top 10 ist.
Mein Wiedereinstieg ins Berufsleben
lag in greifbarer Nähe. Vor der
Familiengründung war ich im
Vertrieb eines bekannten TextilHerstellers. Und tatsächlich bot man
mir wieder eine Stelle an. Zuhause
wurde diskutiert. Die Kinder
brauchen mich, eine Tagesmutter ist
teuer, und überhaupt ... da ist auch
noch der Hund. Ich war einsichtig.
08
Das Thema beruflicher
Wiedereinstieg war vom Tisch. Nicht
aber mein Gefühl, dass Muttersein
zwar toll ist, aber eben auch nicht
alles. Die Kinder gehen irgendwann
ihre eigenen Wege, und was ist
dann mit mir?
Es wurden Möglichkeiten diskutiert.
Vielleicht ein zweiter Hund? Oder
Yoga-Stunden, das wäre doch was?
Zusätzlich ein Personaltrainer, der
mich auspowert? Es musste doch
etwas geben, was mich von diesem
Gedanken mit dem Arbeiten abhält.
In meinem Versuch, diese Erfüllung
zu finden, hörte ich eines Tages auf
zu essen. Das war richtig klasse,
denn mein Kopf hatte sogar beim
Einkaufen eine richtig gute neue
Beschäftigung: Das Vergleichen der
Kalorien auf Reiswaffel-Packungen.
Long story short: Nach etwa
eineinhalb Jahren zogen
meine Magersucht, meine
drei Kinder und ich aus dem
gemeinsamen Haus aus. Es
wurde still um mich herum,
und ich konnte Pläne für
MEIN Leben schmieden.