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SichtbarkeitsJOURNAL | Ausgabe April 2026
Seit dieser Erkenntnis stellen sich mir
viele Fragen – vor allem in Bezug auf
meinen fast 30-jährigen Karriereweg:
Was, wenn ich gar nicht zu viel
war? Was, wenn meine
Führungskräfte mich nie wirklich
verstanden haben? Was, wenn ich
einfach nur lange versucht habe, in
Systeme zu passen, die nie für mich
gemacht waren?
Nachdem ich endlich verstanden
habe, dass ich neurodivergent bin,
habe ich mich oft gefragt, ob die
Arbeit als Ordnungscoachin je das
richtige Business für mich war.
Schon immer habe ich gewollt, dass
Menschen über den Tellerrand
schauen – dass sie verstehen, warum
jemand in bestimmten Situationen so
reagiert wie er oder sie reagiert. Ich
hinterfrage viel. Nicht nur im
beruflichen Kontext, auch im
privaten. Und ja, in bestimmten
Situationen bin ich für neurotypische
Menschen „zu viel“.
Ich kenne diese Momente im Job.
Meetings, in denen ich schneller bin.
Zusammenhänge sehe, bevor sie
ausgesprochen werden. Fragen
stelle, die nicht jede:r hören will.
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Und dann diese kleinen Reaktionen:
ein Blick, ein kurzes Zögern, ein
„Lass uns das später klären.“ Und
plötzlich ist er da, dieser Gedanke:
War ich jetzt wieder zu viel?
Mir ist bewusst, dass wir Menschen
uns nicht alle mögen werden. Aber
ich möchte mit meiner Art zu denken
etwas hinterlassen. Daher habe ich
beschlossen, nicht mehr leise zu sein.
Mich nicht mehr anzupassen, mich
nicht mehr kleiner zu machen,
weniger zu sagen, weniger zu
zeigen, weniger zu sein.
Ich habe angefangen, lauter zu
werden. Zuerst auf LinkedIn, dann
auf Instagram – und nun in
Magazinen. Ich schreibe und
spreche über neurodivergentes
Denken in Führung und Systemen –
für Führungskräfte mit
neurodivergentem Profil, für
Führungskräfte mit
neurodivergenten Menschen im
Team, und für Arbeitnehmer:innen,
die sich fragen, warum vieles so
viel anstrengender ist als es sein
müsste. Keine Diagnosen. Sondern
echte Auseinandersetzung damit,
was passiert, wenn
unterschiedliche Denkprofile
aufeinandertreffen.